Die kritische Masse - Film im Underground Hamburg '68
Ein Film von Christian Bau
Deutschland 1998, 35mm, 110 Minuten, Farbe
Während in den etablierten Kinos der Hansestadt die Kassenschlager
"Zur Sache Schätzchen" und "Doctor Schiwago" laufen, gibt es im
Februar '68 in den Kammer-Lichtspielen völlig andere Filme zu
sehen: Die erste Hamburger Filmschau präsentiert sich mit einem
Feuerwerk wilder Werke. Organisiert von der neu gegründeten Filmcooperative
werden handwerkliche Konventionen und Erwartungen des Publikums
ignoriert; die Aneignung des Mediums Film, die Neuentdeckung wird
gefeiert.
Nur vier Monate zuvor, im Oktober 1967, macht die Gruppe Hamburger
Cineasten Furore mit einem Film-In. Kino non stop, drei Tage und
Nächte Filme aus dem Untergrund! Zuschauer und Presse drängen
sich in ein Ladenlokal in der Brüderstraße, der Produktionsstätte
von Werner Grassmann. Umbenannt in Filmmacherei, wird der Ort
zum strategischen Mittelpunkt, von dem aus die Welt mit neuen
Sehweisen erobert werden soll.
Das Andere Kino, wie es bald genannt wurde, etabliert sich zunehmend.
Es sind Filme, die das Kino neu erfinden wollen, sich vom deutschen
Heimatfilm und dem amerikanischen Kinoimperialismus meilenweit
entfernt haben. In einer Atmosphäre unvoreingenommenen Experimentierens
und dem Kontakt zur bildenden Kunst entstehen Filme, die amüsieren
und provozieren, die Tabus brechen.
Unverhofft ehrt das Establishment Werner Nekes mit dem Filmpreis-Bambi.
Doch die Macher haben anderes im Sinn: "sich mit jedem Film selbst
einen Schritt weiterzubringen", wie Hellmuth Costard es formuliert.
Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Sylvester 1967 treffen im belgischen Seebad Knokke die Vertreter
des New American Cinema auf die europäische Avantgarde. Neben
Filmmachern aus Wien und London, reist auch die Hamburger Gruppe
an die belgische Küste. Sie sind beeindruckt von der Freiheit
und Hemmungslosigkeit, mit der die amerikanischen Undergroundfilmer
zu Werke gehen.
Zurück in Hamburg gründen sie im Frühjahr 68 nach New Yorker Vorbild
die erste Filmcooperative Deutschlands, um unabhängig von Filmindustrie
und frei von Zensur ihre Filme zu vertreiben. Einfach ist das
aufgrund mangelnder Finanzen allerdings nicht. "Man hat nicht
gut gelebt, aber man hat frei gelebt", bringt Werner Nekes, von
dessen Bettkante die Coop-Geschäfte zeitweilig getätigt werden,
die damalige Stimmung auf den Punkt. Es geht nicht um Erfolg und
Kommerz. Auf der 1. Hamburger Filmschau ´68 hat ein Film Premiere,
der auf den Oberhausener Westdeutschen Kurzfilmtagen zwei Monate
später einen Skandal bewirkt: Hellmuth Costards "Besonders wertvoll"
kritisiert das neue Filmförderungsgesetz auf besondere Art: Lippensychron
zitiert die Öffnung seines Penis eine Rede des damaligen CDU -
Bundestagsabgeordneten und Initiator des Gesetzes Dr. Dr. Toussaint
und ejakuliert auf die Kameralinse.
Für einige Jahre bilden die Hamburger Undergroundfilmer "Die Kritische
Masse", die weit ab vom Jungen Deutschen Film und fern von kommerzorientiertem
Kino den Aufbruch starten. - Ein Aufbruch in die Befreiung, die
ihnen bis heute erlaubt, kreativ zu sein.
In dem Dokumentarfilm von Christian Bau sind neben vielen ausführlichen
Original-Ausschnitten der Filme des Anderen Kinos zahlreiche,
bisher unveröffentlichte Fotos und Filmszenen aus dem damals um
sich greifenden Amateurformat Super-8 zu sehen. "Alle Macht dem
Super-8", "einer Art Guerillawaffe", wie Thomas Struck es ausdrückt.
In Gesprächen mit den Filmmachern wird offenbar, daß sie ihren
Ideen bis heute treu geblieben sind. Keiner von ihnen hatte vordergründig
Erfolg; alle suchen einen Weg im Dickicht von finanziellen und
konventionellen Zwängen und alle haben nach wie vor mit Film zu
tun. Nur einer berichtet mit einem strahlenden Gesicht, nun endlich
von der Sucht des Filmemachens befreit, endlich clean zu sein.
Schade, denn die Lust, die die Filmausschnitte vermitteln und
die Frische, die die Protagonisten ausstrahlen, läßt die Atmosphäre
einer Zeit erahnen, deren Kraft in den Helden von damals bis heute
lebendig ist.
Dem Dokumentarfilm gelingt es, einen lebhaften Einblick in ein
unbeleuchtetes Kapitel kulturpolitischer Geschichte der Hansestadt,
in eine wilde, kreative, lebendige Zeitkapsel zu vermitteln. Hamburg
als schillerndes Zentrum der Avantgarde.
Verleih: die thede,
Videovertrieb:
absolutmedien
Regie Christian Bau | Kamera Barbara Metzlaff, Hanno Krieg | Montage Ursula Höf | Musik Alfred Harth | Ton Gisela Schanzenbach | Sprecher Matthias Fuchs | Tonmischung Pierre Brand Konken Studios | Mitwirkende Hellmuth Costard, Werner Grassmann, Helmut Herbst, Andy Hertel,
Werner Nekes,
Dore O., Kurt Rosenthal, Walther Seidler, Thomas Struck, Bernd
Upnmoor, Klaus Wildenhahn, Franz Winzentsen, Klaus Wyborny | Gäste Bazon Brock, Werner Kließ